Ekkehart Rotter

Eine Rede - Vom Umgang mit dem lieben Buch

Verlag:

Buchhandlung Reinhart von Törne

Erschienen (in):

Guntram Vesper, Zwei Texte (Der Schloßpark. - Auf Hiddensee. Erinnerungen an Gerhart Hauptmann) und Ekkehart Rotter, Eine Rede (Vom Umgang mit dem lieben Buch), Lohr am Main 1987

Umfang:

Seite 25-42

ISBN:

3-9800281-3-5

Eine sehr subjektive Betrachtung zum 10jährigen Jubiläum der Buchhandlung Reinhart von Törne in Lohr am Main

(Vom Verfasser vorgetragen am 1. Februar 1987 in der Stadthalle zu Lohr am Main)

 


Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Mit den Eingangsworten "Mir ist die hohe Ehre angesonnen worden" legitimierte einst der Göttinger Geschichtsprofessor Heimpel seine Präsenz am Rednerpult, die dem Zweck diente, einen in die Jahre gekommenen Geschichtsverein jubiläumsgerecht, fachkundig zu feiern. Heimpel rächte sich dafür mit einem über eineinhalbstündigen Vortrag, den man, so ein drängendes Bedürfnis danach besteht, heute noch nachlesen kann, gedruckt in einem  -  Buch.

Womit wir beim Thema wären. Vorausschicken darf ich noch, daß ich keine anderthalb Stunden sprechen will, sondern allenfalls die vorab vereinbarten 15 Minuten, was mich  - danke, ich weiß, mir erginge es an Ihrer Stelle ebenso - , was mich all Ihrer Sympathien so sicher macht, wie es nicht minder sicher ist, daß mir extra wegen dieser 15 Minuten nicht eigens eine "Ehre angesonnen" wurde, von einer hohen ganz zu schweigen. Ehre hat ja doch auch etwas mit Länge zu tun, mit  - zumindest im friedlichen Leben -  Quantität, etwa nach dem Schema: 1 Stunde = Ehre, 1 1/4 Stunden = volle Ehre, 1 1/2 Stunden = hohe Ehre usw., wie sich eben auch die Rede respektive das gesprochene Wort generell durch eine gewisse, 'alleweil'  - wie der Lohrer zu sagen pflegt -  relative Länge unterscheidet vom  -  Buch.

Sie sehen, meine Damen und Herren, und stellen fassungslos fest: Die Umzingelung des Themas nimmt Formen an, der Kreis schließt sich in einer Weise, die, nein, Sie nicht bedrückt, aber, so er noch lebte, z. B. Calvino mit Sicherheit begeistert hätte; obwohl  - schon die eine Kenntnis moderner romanischer Autoren vortäuschende Nennung dieses Namens ist im Zusammenhang mit meinem Geschreibsel hybrid, pure Vermessenheit oder, bleiben wir dabi, der Ehre zu viel, die mir, was ich eigentlich sagen wollte, mir also wegen der läppischen 15 Minuten nicht angesonnen wurde. Nein. Herr von Törne hat mich einfach angerufen und  - diskret -  gefragt, ob ich so was machen könnte.

Die mich dabei, ich möchte sagen: spontan wie angeboren überfallende Zuversicht, daß Herr von Törne mir eine Zusage zu diesem Viertelstunden-Projekt  - gut vorstellbar, weil für ihn günstig -  durch die freundliche Überlassung eines Buches aus seiner Buchhandlung vielleicht verschönern würde, machte mich unverzüglich gefügig. Allenfalls fahl wie flackerndes Nordlicht flammte in mir kurz Widerstand auf, und zwar entlang der Eingebung, daß Herr von Törne wohlmeinend mir als dem Historiker womöglich den Nachdruck von Höflings Lohrer Geschichte schenken zu müssen glauben könnte und ich mir denselben dann blöderweise einige Wochen zu früh und für ein Schweinegeld gekauft hätte. Doch diese Eingebung  - wie der Lohrer sagt 'zwischenei' -  war nach Sekunden gar nicht meßbar, blieb Episode. Ein Blick zudem entlang der häuslichen Bücherwände untermauerte zemental meine Vorstellung von mir selbst als Büchermensch. Diese Gedanken zusammengenommen sowie schließlich, letztendlich und unvergessen die betörende Stimme  - ich darf sagen: -  unseres Herrn von Törne ließen mich schmelzen und mich schnurstracks behaupten, etwa über

"Das Buch und die Stadt Lohr unter besonderer Berücksichtigung der monetären Entwicklung der Bistümer Mainz und Würzburg"

oder

"Stadtentwicklung und Buchpatenschaft im Spiegel spätmittelalterlichen / frühneuzeitlichen Leidensdrucks"

oder

"Bretter, Bücher, Bauernfänger: Lohr lernt lesen"

oder

"Die räumliche Distanz zum Buchladen als sozio-kultureller Parameter unterschiedlicher manueller Fertigkeiten beim Aufschlagen eines Buches in den Stadtrandlagen eingemeindeter Ortschaften in Mainfranken, aufgezeigt am Beispiel der Stadt Lohr am Main"

oder kurz

"Lohr und Buch  -  Die Löhrer und ihre Bücher"

unsoweiterundsofort sprechen zu können,

-  ungeachtet, meine Damen und Herren, ungeachtet der doch durch jeden von uns schmerzhaft erfahrbaren, weithin verbreiteten Mißachtung des Buches durch die Moderne und hier auch oder gerade unter akademischem Jungvolk. So hat mir kürzlich sogar mein Chef, Professor D. aus F., bei kritischer Würdigung des eigenen Blutes, sprich seines Sohnes, frank und frei, also zu vorgerückter Stunde, als wir so plauderhaft zusammenstunden, gestanden, daß dieser Sohn sich des Umstandes rühme, im Verlauf seiner gesamten (allerdings, wie ich hier äußerst kritisch einwerfen muß: in Hessen (!) verlebten) Gymnasialzeit nicht mehr als 1 1/2 ganze (!) Bücher (was schlagend belegt, daß hessische Abiturienten in der Tat nicht mehr bis 2 zählen können!)  -  nicht mehr als 1 1/2  -  ich wiederhole  -  ganze Bücher gelesen zu haben; und

-  ungeachtet ferner der Tatsache, daß mein erstes Buch, das ich zu lesen geschenkt bekam  -  "Heino macht Ferien am Tegernsee" -  nachweislich ebensowenig aus Lohr stammte wie ich übrigens selbst,  -  ein mich  -  bitte, ich vermag Sie daran nicht zu hindern  -  sogar als Viertelstundenredner zum Thema "Lohr und das liebe Buch" bzw. "die lieben Buchhändler" bzw. "der liebste Buchhändler des abgelaufenen Dezenniums" a priori disqualifizierender Einwand, wie es den Anschein hat.

Aber ich muß meine Kritiker wie so oft schon enttäuschen. Denn als dieser Geist lebendig wurde, nach Bildung verlangte, Lohr zustrebte in diesem meinem Körper aus dem gymnasial noch nicht verbrämten Gemünden in täglicher Fahrt mit dem Triebwagen und, nach hurtigem Lauf von Haupt- oder Stadtbahnhof, der  - das genügte damals  -  "Höheren Schule", da fügte es sich nolens volens, daß ich, obzwar immer noch auf derselben Seite des Mains, aber auf der anderen Seite meiner persönlichen Bildungsgeschichte, dann natürlich hier in Lohr eigenhändig meine ersten Bücher gekauft habe  -  (Handkes 'Publikumsbeschimpfung' etwa, lässig-trotzig den Titel nach außen gekehrt beim Verlassen der Buchhandlung Bier; das Buch, bezeichnenderweise, in der Rückschau erst gebührend zu würdigen, grün eingebunden,  -  der Kerl, nein, nicht Handke, ich!: eine einzige Drohung an die kleinbürgerliche Gesellschaft!)  - , und zwar viele Jahre lang infolge eben einer erquicklichen, bedauerlicherweise am Ende zwar nicht erfolgreichen  - da war Opp vor ! - , dafür um so fröhlicheren Zugehörigkeit zur hiesiegen Bildungsanstalt, die man früher dem hochgesteckten Bildungsziel nach noch Humanistisches Gymnasium nannte, was heutigen Ansprüchen nach Tradition und neuer Hinwendung zur deutschen Geschichte, unter Auslassung freilich stets eines gewissen dreckigen Dutzends Jahre Neuerer Geschichte, nicht mehr genügt und dazu führte und immer noch führt, daß man getreu dem klassischen Motto  - nein, nicht "Haste was, dann biste was", sondern  - "Personen machen Geschichte" nach Personennamen eben verlangt; hier, für dieses Gymnasium (und gerade für den heutigen Tag!) nicht unpassend gewählt: Franz Ludwig von Erthal, Politicus und Fürstbischof dazu sowie (pädagogisch trefflich für unseren Zweck!) ein Mann mit unübersehbaren bibliophilen Neigungen, die ihn auch noch aus der Kutsche heraus Bestellungen an Buchhändler unterwegs aufgeben ließ.

Trotz dieser Eile aber schaffte er es nicht, der erste zu sein, der Lohr mit Büchern etwa versorgte, und er schaffte es nicht trotz des von ihm als freudiges Ereignis zu feiernden Todes seines Onkels, des Geheimen Rates Ludwig Christian Erthal, eines hochgelehrten Juristen mit Hang zu schwierigen Fällen, dessen bewundernswert umfangreiche Bibliothek er 1760 erbte. Meiner  - begründeten ! -  Vermutung nach ist er bis heute der gebürtige Löhrer, der den größten privaten Bücherbesitz vorzuweisen hatte.

Aber wie schon gesagt, meine Damen und Herren, Bücher kamen schon noch früher nach Lohr, ja, noch früher, was zugegebenermaßen in diesem Kreis nicht leicht zu  vermitteln sein dürfte angesichts der hier im Saal weit verbreiteten, auch draußen an allen Ecken zu hörenden Meinung, daß unmöglich, ja wirklich unmöglich vor der bibliokulturellen Betreuung dieses Landstrichs durch Herrn von Törne der hiesigen Bevölkerung die Existenz von Büchern als frei verkäufliche Handelsobjekte, als erstehbare, durchaus haltbare, nicht in allen Fällen freilich abschreibbare Bildungsgegenstände oder Vergnügungsstückchen oder Gegenstände z. s. V., d. h. zur sonstigen Verwendung, schon bekannt war. Den meisten, wie gesagt, scheint dies ein Ding der Unmöglichkeit, daß bereits vor Ankunft des Herrn von Törne hienieden ...

Meine Damen und Herren! Ich muß mich mäßigen, muß meine Euphorie zügeln, mich in Bescheidenheit üben. Sieben Minuten sind bereits vorüber, wer hätte es gedacht, sind schon Vergangenheit, Geschichte, Gegenstand künftiger Betrachtungen und zahlloser Bücher. Sie haben sie miterlebt, zeitgenössisch  -  und zuversichtlich zugleich, die nächsten ebenfalls unbeschadet zu überleben, wohl ahnend, die Kundigen unter ihnen mit dem Verklingen bereits des vorletzten Satzes gar wissend, daß die Dramatik der zweiten Viertelstundenhälfte noch wachsen, an sich steigernder Dichte in der Beurteilung 'hinnenâch', wie es in Lohr heißt, nicht zu überbieten gewesen sein wird; hat dieser Satz doch, ohne mich in selbstzerfleischender Arbeitsmethodenanalyse vor Ihnen entblößen zu wollen, klar schon das gesamte noch folgende Programm beinhaltet, weswegen auch jetzt zwangsläufig, Sie vermuten richtig, der Hauptteil, wie wir das damals auf dem hiesigen Gymnasium wörtlich wiederzugeben hatten, in drei Teile zerfällt, und dies trotz der dräuenden Nähe bereits des Schlußwortes, nämlich in

a)  Frühester Nachweis für Buchhandel in Lohr;

b) Von Liebe und von Törne als den markanten Eckpfeilern Lohrer Buchhandelsgeschichte; und

c)  Funktion und Wesenheit des Buches als ein Stück Lohrer Empirie,

die ich, um gleich mit dem Letzten, die Gliederung gewissermaßen von hinten her aufdröselnd anzuheben, früh in dieser Stadt erfuhr, etwa in Gestalt des "Buches als geheimnisvolles Wesen", wie man es durch manche jugendliche Geburtstage schon bzw. im Jahreskreis pünktlich und zuverlässig wiederkehrende, also unausweichliche christliche Hochfeste hindurch anhäufte, d. h. wie von meiner Mutter in der Horizontalen vielleicht nach Größe, von verhinderten Innenarchitekten mit dem unverwechselbaren Top-Feeling nach Farben der Buchrücken geordnet eins zum andern auf die Regal-Reihe brachte und immer noch bringt. Der Inhalt störte kaum, tat und tut immer noch nichts zur Sache, bleibt, wie gesagt, des Buches stummes Geheimnis. In der äußeren Gestalt hat es seine Bestimmung: Es hält zuverlässig aggressive Industriestäube ab, von denen es in Lohr mehr gibt, als der menschlichen Gesundheit zuträglich wären, zumindest von den tropischen Hölzern unserer Anbauwände mit beleuchteter Bücherzeile ab und schmückt den Besitzer mit dem feinen Adel intellektuellen Schöngeists. Keiner hat sich bis dato  - gell ? -  nach dem einen oder anderen Werk erkundigt; jeder Gast geht dezent darüber hinweg bzw. daran vorbei, sich in Rührung fast dem Gastgeber fest ob der gleichen Geisteshaltung innig verbunden fühlend und sich in diesem Augenblick wohlig erinnernd: an den schon lange nicht mehr abgestaubten Verwandtschafts-büchergeschenkegedächtnisfond an gleicher Stelle im eigenen Heim.

Ich habe allerdings in Lohr auch eine weniger subtile Macht des Buches erfahren, eine von eher schlagender Überzeugungskraft. Ein Beispiel ist zu verbinden mit dem vorhin erwähnten Handke, dessen 'Publikumsbeschimpfung' in besagtem Triebwagen laut zu deklamieren mir in der Kurve zwischen Nantenbach und Neuendorf an der Stelle angekommen "Sie atmen ja. Sie sammeln ja Speichel. Sie hören ja zu. Sie riechen ja. Sie schlucken ja. Sie zucken ja mit den Wimpern. Sie stoßen ja auf. Sie schwitzen ja. Sie haben ja ein großes Selbstbewußtsein'" die schallende Ohrfeige eines verständnislosen, sich in flegelhaften Worten über den Bildungsstand der  - damaligen -  heutigen Jugend mokierenden Mitreisenden eintrug.

Es ist indes dieses Beispiel mitnichten typisch gewesen. Vielmehr wurden in jener unserer Generation die Bücher selbst zu Werkzeugen der Tat, worunter naturgemäß zwar auch manche Schülerschädel, auf die die diversen Schwarten krachend niederfuhren, litten, mehr aber noch die zweckentfremdeten Bücher selbst. Etliche lateinische Wortkunden vermochten allein infolge solcher Übungen und durch dabei angebrachte Gebrauchsspuren den willkommenen (!) Schein reichlicher Beschäftigung mit denselben zu erwecken.

Bald traten bei der Handhabung allerdings Unterschiede zu Tage, an die kein Buchhersteller jemals zuvor gedacht hatte. Zu den leichten Waffen zählten die erwähnte lateinische Wortkunde und der Katechismus, als schwere Waffen galten Erdkunde- und Biologiebücher und natürlich Wörterbücher wie der Gemoll. Geradezu apart nahm sich daneben der softe Aufschlag mit Dr. Fruechtels griechischer Grammatik aus, deren schlappe Papp-Deckel sich nach entschlossenem Draufhau’n weich über den gesamten Scheitel beidseitig bis zu den Ohren des solchermaßen Getroffenen niedersenkten; sie fand deshalb nur bei sehr gut befreundeten Vorderleuten Verwendung. Wahre Rohlinge dagegen waren Atlanten jedweden Inhalts, die nur im Zuge erklärter Fehden zur Anwendung kamen.

Einem dieser Art geplanten Anschlag fiel ich als Täter schließich selbst zum Opfer  - was man nicht gern hat - , als ich eines zarten Frühlingstages zum Ende der zweiten Pause im ‘Olymp’  - so hieß dieses sicher auch einigen Herrschaften hier bekannte Klassenzimmer -  die Waffe hoch erhoben am Türpfosten des Eintritts meines Banknachbarn harrte, der als einziger noch fehlte. Die Türe öffnete sich abrupt, reaktionsschnell, wie ich war, nahm das Unheil unaufhaltsam seinen Lauf. Kein Damokles-Schwert der Welt vermöchte mit dieser Gewalt niederzufahren, mit der ich 1 Kilo Atlasmasse unserem werten, absolut unschuldig verfolgten Religionslehrer auf den Schädel hieb, daß dieser darob ohne Gegenwehr glatt zu Boden ging. Noch heute verfolgt mich ab und an nächtens das Schreckensbild meiner Fäuste, fest um den Diercke gespannt, den ich, ohne Arg einst erstanden im Lohrer Buchhandel, nun in dieser zweckbestimmungsenthobenen Funktion beidhändig geschlagen zum Einsatz brachte. Vor unnachgiebiger Strafe rettete mich auch nicht der trotzige Hinweis auf die natürliche Erdanziehungskraft, die ein gerüttelt Maß Mitverantwortung an dem prächtigen Schlag gehabt hätte.

Was bleibt, meine Damen und Herren, sind drei Minuten und das Fazit: Bücher wollen gelesen sein, wie dies in Lohr  -  Sie erinnern sich: Teil b) schließt sich übergangslos an - , wenige Jahre ausgenommen, infolge der prompten Beschaffung aller gewünschten Titel durch die überaus tatkräftigen, nicht immer vom lesenden Teil der Bevölkerung hinreichend unterstützten Buchhändler am Platze im Verlauf von nunmehr genau 110 oder gar  - das ist ein kleines historiographisches Datierungsproblem -  120 Jahren sichergestellt und möglich ist.

Der fruchtbare erste Samen dazu kam aus Würzburg herübergeweht bzw. den Main heruntergeschwommen in Gestalt einer Buchhandlung Staudinger, die mit großen Plänen 1867 die erste (bekannte, muß man in Klammern dazusetzen) Filiale eröffnete, aber schon 1869, alldieweil man den örtlichen Bücherbedarf doch wohl ordentlich überschätzt hatte, nach Aschaffenburg weiterzog, worauf die Fa. Keller sich ins Glück stürzte, wenigstens bis 1873, bis ein Herr Speiser, Herkunft unbekannt, den Laden erwarb und diesen innehatte,
bis er ihn 1876 weitergab an einen Herrn Mayer, den man, ich möchte nicht wissen, mit welchen fingierten Umsatzzahlen aus Dortmund hierher gelockt hatte; ein gutes Jahr bzw. schlechtes Geschäftsjahr später jedenfalls warf er das Handtuch und verkaufte an Hans Liebe, der endlich das nötige Durchsetzungsvermögen mitgebracht hatte, die Lohrer an Bücher zu gewöhnen; sogar von einem Kundenstamm, den er sich aufgebaut und dazu gegen Konkurrenz erfolgreich verteidigt habe, ist die Rede. Möglicherweise in nicht unerheblicher Weise spielt der Fakt eine Rolle, daß er auch eine Leihbibliothek  - ich nehme an -  gängigen Schundes unterhielt und  - vor allem -  zusätzlich (vielleicht in einer Art Buchpapierrecycling) Tapeten übern Ladentisch an die Frau brachte,
bis 1914 ihn der Tod hinwegriß und  - in Stellvertretung der trauernden Witwe -  das unverheiratete Töchterchen Agnes die Geschäfte bzw. die “Buch-, Kunst-, Musik- und Schreibhandlung und Leihbibliothek Hans Liebe, früher W. Keller’sche Buchhandlung zu Lohr am Main” fortführte,
bis jene den Gelegenheitsdichter und Allround-Kulturellen Hans Vogelgesang traf, und zwar so sehr, daß dieser nicht nur bei ihr, sondern 1922 auch in den Laden einstieg.

Wir wollen hier an diesem wunderschönen Tag nicht darüber rechten, ob es sein unseliger Umgang im Fremdenverkehrs- und Verschönerungsverein war oder einfach die Ungnade einer zu frühen Geburt, die ihn 1937 aus dem Börsenverein der Deutschen Buchhändler aus- und in die Reichsschrifttumskammer eintreten ließ. Zu knabbern hatte er daran  - wie der Lohrer ein solches deutsches Schicksal in der ihm eigenen, leichten Art der Vergangenheitsbewältigung umschreibt -  noch lange. Erst 1961, obwohl seit 1948 durchgängig weitergeführt, taucht die Buchhandlung unter der Regie nunmehr seines Sohnes Gerhard Vogelgesang, doch unter dem alten Namen Hans Liebe wieder in den Adreßbüchern auf, gelegentlich des Umstandes, daß er an Herrn Heinz Bier aus Bad Godesberg verpachtete (und später verkaufte), den Ihnen bestens bekannten, engagierten, um die Lohrer Kulturszene allseits bemühten Mann, dessen Erbe  - ohne ihn beerbt zu haben -  der heute zu Feiernde mit dem Erwerb der traditionsreichen Buchhandlung in der Lohrtorstraße 1977 mit so großem Erfolg antrat, daß er alsbald in das neue, weiträumigere Haus, die alte ‘Post’, 1981 umziehen konnte: mit einem noch umfassenderen Sortiment und einem eigenen Verlag dazu unter einem Dach,

dessen  - aufgemerkt: Teil a) ! -  die ersten gottesfürchtigen wie unerschrockenen Händler noch gänzlich ermangelten, die sich zu Fuß (vielleicht mal per Esel), mit Krätzen schwerster Bücher beladen, zur Zeit des gerade in Mode geratenen Buchdrucks nach Lohr schleppten, um hier zu Jahrmarktstagen ihre Last zu verhökern, beileibe, auch an den Inhalten gemessen, kein leichtes Gut. Im Vergleich zu den Trivialitäten, die heute häufig den Tresen queren, ja queren müssen, weil nur dadurch die wahre, edle, gute Literatur mitfinanziert werden kann, verdammt nochmal, nötigt uns allen tiefste Ehrfurcht ab, was ein gewisser Herr Johannes Speßhart aus Schweinfurt, ehemaliger Studiosus an der Uni Erfurt, am 1. Oktober 1489 in den Mauern des Städtchens an den  - uns leider unbekannt gebliebenen -  großkopferten Lohrer Mann brachte. Oder wollten Sie etwa während der Spessartfestwoche eine ‘Corpus-Juris-Civilis-Ausgabe in Auswahl’ erstehen und dazu, für, wohlgemerkt, ein Lehrermonatsgehalt, als Ergänzung  - wie tatsächlich, unfaßlich vor bald genau 500 Jahren in Lohr geschehen ! -  die ‘Lectura super institutionibus’ des Angelus de Gambilionibus aus Arezzo? Alles auf Lateinisch!

Na, siehste!

Sehen Sie?!

15 Minuten sind um. Exakt. Ich gratuliere Ihnen, auch wenn Sie dadurch nicht mehr in den Genuß meiner Betrachtungen über die Erotik des Buches im allgemeinen kommen, beginnend beim vom flinken, fleischigen Mönchsfingerlein begehrten Jungfernpergament im Mittelalter und weiter über den jungfräulichen Duft eines erstmals aufgetanen Buches bis hin zum zarten, gleichwohl unvermeidlichen Brechen im Falz, sobald Sie ein Fischer-Taschenbuch  - nicht ent-, sondern nur aufgeblättert -  auf den Rücken legen, und schlußendlich zum post-erotischen Verwelken abgegriffener Seiten,

und gratuliere mit diesem meinem absolut letzten Satz dem Jubilar des Tages zu diesem Tag, Herrn Reinhart von Törne, dem ich mich nicht nur wegen derselben Schreibweise der letzten Vornamenssilbe ‘hart’ verbunden fühle.